Ende August 1995 nahm die heroingestützte Behandlung in Winterthur mit 25 Personen ihren Betrieb auf. Was heute unspektakulär klingt, war damals alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Nachdem bis Anfang der 90er-Jahre am Zürcher Platzspitz eine offene Drogenszene bestand, verlagerte sich diese nach der Räumung auf den Letten. Beim stillgelegten Bahnhof entstand eine noch grössere Drogenszene. Mit noch mehr Elend, Verwahrlosung und Gewalt.

Diese Entwicklungen zeigten, dass es keine einfachen Rezepte gibt. Und dass es neue Ansätze braucht. Fachleute entwickelten die Vier-Säulen-Politik. Diese basiert auf dem Zusammenspiel von Prävention, Therapie, Überlebenshilfe und Repression. Und wurde zu einer international beachteten Erfolgsgeschichte.

Diese gäbe es nicht ohne mutige Pionier:innen. André Seidenberg und Ambros Uchtenhagen. Emilie Lieberherr und Monika Stocker. Oder Ernst Wohlwend und Toni Berthel in Winterthur. Sie und viele andere ermöglichten die ärztlich kontrollierte Heroinabgabe. Das letzte und anspruchsvollste Puzzleteil, welches die Vier-Säulen-Politik vervollständigte.

In Winterthur fand die wohl erste Volksabstimmung überhaupt zur Heroinabgabe statt. Ich erinnere mich noch gut an das Argument der Gegnerschaft, wonach man ja dem Alkoholiker auch keinen Schnaps abgebe, um ihn zu heilen. Die Argumentation der Befürworter:innen, dass die Heroinabgabe in einem umfassend begleiteten Setting erst die Voraussetzung schafft, damit sich betroffene Personen stabilisieren und so schrittweise in einen einigermassen geordneten Lebensalltag zurückfinden können, war etwas schwieriger zu vermitteln. Aber sie überzeugte eine knappe Mehrheit.

Am 25. Juni 1995 stimmte die Winterthurer Stimmbevölkerung mit 51,3 Prozent Ja-Anteil der Einführung einer städtischen Heroinabgabe zu. Der Rest ist Geschichte. Die Vier-Säulen-Politik hat dazu beigetragen, dass es den Süchtigen besser geht. Sowohl in Bezug auf ihre Gesundheit wie auch auf die soziale Integration. Die Beschaffungskriminalität ging massiv zurück.

Die Vier-Säulen-Politik ist für mich ein Sinnbild, wie die Politik komplexen gesellschaftlichen Herausforderungen begegnen soll: faktenbasiert, ideologiebefreit, interdisziplinär. Nichts zeigt konkreter den Erfolg der heroingestützten Behandlung auf, als die Menschen, die Ende August das Jubiläum feierten. Darunter auch Klient:innen, die seit 30 Jahren dabei sind.

Nicolas Galladé, Stadtrat und Vorsteher Departement Soziales