«Als ich begonnen habe vor viereinhalb Jahren im Intake zu arbeiten, da war die Wohnproblematik bei neuen Fällen sehr selten. Jetzt ist es sehr selten, dass jemand keine Wohnproblematik hat». Diese Aussage stammt von einem Sozialberater und ist im Fokus-Kapitel «Wohnen und Sozialhilfe» des aktuellen Kennzahlenberichtes der Städteinitiative Sozialpolitik nachzulesen.

Mit dieser Einschätzung ist er nicht allein. Sechzehn von zwanzig befragten Sozialdiensten halten im Kennzahlenbericht fest, dass die Anzahl der Menschen in der Sozialhilfe, die akut von Wohnungsverlust bedroht sind, in den letzten fünf Jahren zugenommen habe.

Auch mit Blick auf die Entwicklung des Wohnungsmarktes ergibt sich von Genf bis Chur und von Basel bis Sion ein klares Bild: Das Angebot an Wohnungen im unteren Preissegment wird durch die Sozialdienste sämtlicher zwanzig Städte als zu klein erachtet. Gleiches gilt für das Angebot an gemeinnützigen Wohnungen respektive Wohnraum, der nach dem Prinzip der Kostenmiete zur Verfügung gestellt wird. Mieten also, die sich an den effektiven Kosten orientieren und nicht an einer möglichst hohen Rendite.

Die Studienautorin Michelle Beyeler hält fest: Wenn es schon für den Mittelstand schwierig sei, eine bezahlbare Wohnung zu finden, sei dies für armutsbetroffene Personen fast unmöglich. Die Einschätzung, dass Mieten auf breiter Front angestiegen sind, wurde diese Woche bestätigt. Die Immobilienspezialisten von Wüest Partner haben die Entwicklung der Angebotsmieten der letzten 25 Jahre ausgewertet:  Die inserierten Wohnungsmieten in diesem Zeitraum seien im Kanton Zürich um 68 Prozent gestiegen, in der Stadt Zürich gar um 96 Prozent, schreibt «20 Minuten». Auch inflationsbereinigt bleibe ein deutlicher Anstieg der Mieten: 21 Prozent im Kanton. 44 Prozent in der Stadt Zürich. Besonders markant ist der Anstieg in den letzten drei Jahren.

Ob Sozialhilfebeziehende, wenig Verdienende oder Mittelstand – massiv überteuerte Mieten und ihre Folgen beschäftigen und belasten viele Menschen wie kaum ein anderes Thema. Eine Gelegenheit, dagegen etwas zu tun, bietet sich am 30. November. Dann wird über die Volksinitiative «Mehr bezahlbare Wohnungen im Kanton Zürich» abgestimmt. Städte und Gemeinden sollen die Chance erhalten, mit einem Vorkaufsrecht zu verhindern, dass rendite-orientierte Immobiliengesellschaften noch mehr Wohnraum aufkaufen. Und stattdessen dafür zu sorgen, dass mehr gemeinnütziger und damit bezahlbarer Wohnraum entsteht.

Nicolas Galladé, Stadtrat und Vorsteher Departement Soziales